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Fit für die Industrie 4.0

Unternehmen benötigen dringend Fachkräfte für die Digitalisierung. Bei der ABB Technikerschule werden sie ausgebildet.

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Die ABB Technikerschule ist eine der zen­tralen Ausbildungsstellen der Schweiz, in denen Unternehmen ihre Fachkräfte für die Industrie 4.0 fit machen lassen.

Die Stufen hinab zum Innen­hof der ABB Technikerschu­le in Baden führen in eine eigene Welt. Schon am frü­hen Morgen um 7 Uhr 30 herrscht reger Betrieb. Durch die grossen Fenster im Erdgeschoss hat man freien Blick auf die gut besuchten Klassen. Auf der rechten Seite folgen junge Auszubil­dende dem Unterricht, auf der linken Seite sieht man hinein in eines der hochmoder­nen Labore der Schule. Eine kleine Grup­pe steht im Halbkreis um einen Dozenten. Er zeigt auf einen Windkanal, in dem ein kleines Modellflugzeug von Nebelschwa­den umströmt wird. Ein ganz normaler Morgen in der vor 47 Jahren gegründeten ABB Technikerschule. Sie ist eine der zen­tralen Ausbildungsstellen der Schweiz, in denen Unternehmen ihre Fachkräfte für die Industrie 4.0 fit machen lassen.

Der hohe Standard der Ausbildung hat sich herumgesprochen. Am Nachmittag hat sich eine Delegation des britischen Bildungsministeriums angesagt, später in der Woche werden Besucher aus Singapur und Indonesien erwartet. Keine andere Höhere Schule kann eine vergleichbare Infrastruktur mit bestens ausgerüsteten Laboren aufweisen. Erst vor drei Jahren wurde der hochmoderne Erweiterungs­ bau parallel zum alten Hauptgebäude mit der silbergrauen Metallfassade fertig­ gestellt. Herzstück des neuen Gebäudes bilden das grosse Maschinenlabor, ein topmodernes Elektrolabor, in dem soge­nannte Smart Grids, intelligente Strom­netze, simuliert werden, sowie ein RFID­ Labor. Auch eine Hochspannungszelle zählt die Schule jetzt zu ihrem Bestand.

Verbunden durch eine doppelstöckige Passerelle im Anschluss an den schmalen Innenhof bietet das Gebäude-­Ensemble ausreichend Platz für den Unterricht. Rund 560 Studierende aus 330 Unterneh­men werden an einem einzigen Standort ausgebildet. Es gibt verschiedene Weiter­bildungs-­ und Nachdiplomangebote; Schwerpunkt der Ausbildung sind aber nach wie vor die acht Bildungsgänge Be­triebstechnik, Logistik, Energietechnik, Energie und Umwelt, Systemtechnik, Gebäudeautomation, Konstruktionstechnik und Informatik. Das berufsbegleitende Studium schliesst mit dem Diplom Höhe­re Fachschule ab.

Neue Wege in der Ausbildung
Durch die zunehmende Digitalisierung der Industrie ist die Nachfrage für System­technik und Gebäudeautomation gestie­gen – zwei Studiengänge, die besonders von Robotik­ und Automationsinhalten ge­prägt sind. Wer dieses Studium beginnt, bekommt seit gut einem Jahr die erste Her­ausforderung mit nach Hause: Ein Bausatz mit elektrischen Elementen für eine Hard­ware-­Lernplattform muss selbstständig zu­sammengebaut werden. Sie wird die Stu­dierenden über die drei Jahre des Studiums begleiten. Die von der ABB Technikerschu­le selbst entwickelte Plattform sieht in der montierten Basisversion so aus, als hätte man das Innere eines Computers mit den bunten Kabeln, der Platine und dem Akku herausgerissen und auf ein weisses Brett geschraubt. Aber das Lehrmittel hat es in sich. Zusatzmodule wie ein kleiner Luftka­nal, eine Belüftungsanlage, ein Pendel oder auch ein Deltaroboter können auf der Plattform angebracht werden; sie ermögli­chen praxisnahe Übungen und Simulatio­nen von typisch industriellen Anwendun­gen. Die Plattform gilt im Schweizer Bildungswesen als mustergültiges Beispiel für die Umsetzung von praktischen Digita­lisierungsinhalten in der Lehre.

Neue Wege geht die Schule auch in der Unterrichtsorganisation. Wer sich für das Studium der Energietechnik interessiert, kann das mit einem neuen Zeitmodell studieren. In Ko­operation mit dem Zentrum für berufliche Weiterbildung (ZbW) in St. Gallen und der Fernfachschule Schweiz wird die FlexHF, die HF mit flexiblem Zeitmodell, angebo­ten. Das berufsbegleitende Selbststudium wird hier mit praxisorientierten Präsenz­veranstaltungen kombiniert. Anstatt ein­ mal pro Woche müssen die Studierenden nur noch alle zwei Wochen in Baden vor Ort sein und erarbeiten sich die Inhalte hauptsächlich in Eigenregie.

Das dreijährige Studium ist anspruchsvoll. «Wir bieten Qualität, aber wir wollen auch Qualität», stellt Rektor Kurt Rubeli klar. Die hohen Anforderungen haben ihren Preis. Rund 30 Prozent der Studie­renden, die eine Ausbildung in Baden beginnen, verlassen das Studium vor dem Diplom. Der Qualitätsanspruch gilt auch für die Lehrer. «Drei Dinge muss ein Dozent mitbringen: Fach­ und Methoden­kompetenz sowie Leidenschaft», so Rube­li. «Man muss die Studenten mitnehmen und begeistern, monotoner Frontalunter­richt reicht schon lange nicht mehr.» Die Qualität der Ausbildung ist bei den Unter­nehmen bekannt. Besonderer Vorteil für die siebzig Trägerunternehmen der unab­hängigen Schule ist nicht nur praxisnahe Wissensvermittlung, sondern auch die Möglichkeit, eigene Themen für Diplomar­beiten vorzuschlagen. In der Regel bearbei­ten drei bis vier Studierende zusammen ein Thema und stecken rund 600 Stunden reine Entwicklungsarbeit in eine Aufgabenstel­lung – Leistungen, die sich die Unterneh­men sonst teuer einkaufen müssten.

Big Data gegen das Rattern
Die Studenten überzeugen in ihren Di­plomarbeiten immer wieder mit überra­schenden Lösungen. Ausgezeichnet wur­de beispielsweise jüngst eine Diplom­arbeit für die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ). Kleine Flachstellen an den Rädern der Trams verursachen das typische, laute Vibrieren. Um geringfügige Beschädigun­gen schon zu erkennen, bevor sie sich ver­grössern und das Vibrieren und Rattern auslösen, entwickelten Studenten der ABB Technikerschule ein ausgeklügeltes Mess­system. Sensoren über den Fahrwerken zeichnen bereits kleinste Vibrationen auf und melden sie drahtlos an einen Server. Dort werden sie analysiert und die Wagen bei Erreichung bestimmter Grenzwerte rechtzeitig zur Wartung in die Werkstatt beordert. Das erhöht die Lebensdauer der Räder, vermeidet Beschädigungen, die durch die Vibrationen ausgelöst werden, und senkt Lärmemissionen.

Es sind solche Orte wie die Schule in der Wiesenstrasse in Baden, in der die Weichen für die Industrie 4.0 in der Schweiz gestellt werden. Die Weiterent­wicklung des Angebots und die Anpas­sung an die neusten Trends sind eine Herausforderung, die hier zu gelingen scheint. Rektor Rubeli lässt keine Zweifel aufkommen, dass die Schule ihren hohen Standard halten wird: «Damit wir auch zu­ künftig den Ansprüchen der Unterneh­men gerecht werden, investieren wir laufend in die Entwicklung unserer Lern­inhalte und feilen an den Methoden von Wissensvermittlung und Praxistransfer.»

 

Autor
Forian Fels, Redaktor Handelszeitung

 

Bericht als PDF (Publikation in der Handelszeitung 31.05.2018)